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Strecke im Wartestand:
(Henchir Souatir –) Kasserine – Sbeitla – Kalaa Sghira (– Sousse)


Das mitteltunesische Kairouan war lange Hauptstadt Tunesiens und geistiges Zentrum für die gesamte islamische Welt. Die Funktion der Hauptstadt hat später das nahe gelegene Mahdia an der Küste und dann Tunis übernommen, als geistiges Zentrum wurde Kairouan von Kairo abgelöst. Trotzdem ist Kairouan eine wichtige Stadt und Schlüsselposition in Mitteltunesien geblieben.

Deshalb griff 1881, im Jahr der Errichtung des französichen Protektorats, die französische Armee Kairouan an und nahm es schließlich ein. Pioniertruppen bauten in dreieinhalb Monaten eine über 60 Kilometer lange Feldbahn ( chemin de fer Decauville) von Sousse an der Küste nach Kairouan. Am 3. Februar 1882 brachte der erste Zug Verwundete von Kairouan nach Sousse. 1896 wurde die Bahn von 60 cm auf 1 m Spurweite umgespurt. Kairouan war über die Küstenstrecke nicht nur nach Norden sondern auch nach Süden bis Moknine an weitere Häfen angeschlossen.

Noch vor dem ersten Weltkrieg wurde ausgehend von Tabeddit an der Strecke Metlaoui – Redeyef von der Minengesellschaft eine Eisenbahn bis Henchir Souatir gebaut. Gleichzeitig baute die Betreiberin des nördlichen Meterspurnetzes, die Eisenbahngesellschaft Bone-Guelma, von Ain Ghrasesia an der Strecke Sousse – Kairouan über Sbeïtla und Kasserine nach Süden. In Henchir Souatir kam 1909 der erste Lückenschluß der beiden Netze zustande. Die Lücke zwischen Sousse und Sfax wurde einige Jahre später geschlossen.

Mit zunehmender Motorisierung sank nach dem zweiten Weltkrieg die Bedeutung der Eisenbahn. 1959 wurde die Strecke Aïn Ghrasesia – Kairouan eingestellt, ab 1971 gab es auf der Strecke nach Kasserine keinen Personenverkehr mehr. Damals glaubte man, der Verkehr würde bald vollständig auf die Straße verlagert.

Angesichts der rasch wachsenden Bevölkerung mußten in dem sehr trockenen Land dringend landwirtschaftliche Flächen bewässert werden. So gab man dem Bau von Stauseen Vorrang vor der Eisenbahn. Der Stausee Sidi Saad unterbrach zehn Jahre später die Bahnlinie endgültig. Nur zwischen Kasserine und Sbeitla gibt es noch regelmäßigen Güterverkehr.

Die Bilder der ehemaligen talüberquerenden Brücken mitten im Stausee und an seinem Ostufer sind spektakülär. Das Bild dokumentiert aber auch karge Vegetation, der große Abstand der Olivenbäume hinter der Brücke deutet auf Wassermangel hin. In dieser Gegend regnet es selten. Aber wenn es regnet, dann meist sehr heftig. Die Folge sind plötzliche Überschwemmungen und Erosionsschäden wie am Widerlager der Brücke im rechten Bild.

Der Autor hatte mehrfach Gelegenheit, den derzeit stillgelegten Streckenteil östlich von Sbeitla zu besuchen. Die Bahntrasse ist überraschend gut erhalten und liegt noch weitgehend. Sei es nahe der Straße C87 südlich von Kauiroan oder im Bereich des Stausees. Daß der letzte Zug vor fast 40 Jahren fuhr, sieht man dem Bahngleis nicht an. Natürlich gibt es immer wieder lokale Erosionsschäden, an Bahnübergängen wurde das Gleis überteert, manchmal ist die Strecke unter Sand begraben.

So wie bei den in Betrieb befindlichen Hauptstrecken im Meterspurnetz müßte auch hier der Oberbau für die heute üblichen Achslasten und Geschwindigkeiten überarbeitet werden.

Trotz der Unterbrechung durch den Stausee Sidi Saad ist die Bahnlinie Kasserine – Kalaa Sghira noch in ganzer Länge als Strecke 11 im Bestand der SNCFT. Die Stichstrecke vom Abzweigbahnhof Aïn Ghrasesia (linkes Bild) nach Kairouan ist nicht mehr im Bestand.

Einheimische haben von Vermessungsarbeiten berichtet. Nach den Beobachtungen ist eine nördliche Umgehung des Stausees geplant. Es gibt aber keine offiziellen Aussagen bezüglich eines Wiederaufbaus der Strecke 11, in Planung ist aber ein erneuter Anschluß von Kairouan an das Eisenbahnnetz.


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Kartographie: © OpenStreetMap-Mitwirkende
Digitale Bearbeitung, Photos, Text und Gestaltung: Rudolf Barth